Kreuzbandriss: Nach Bandrekonstruktion "alles wieder gut"? Interview mit Dr. Michael Schlumberger
10. Feb, 2026
Verletzungen an Kreuzband, Seitenband, Meniskus und Knorpel werden in der Sportmedizin seit Jahrzehnten intensiv diskutiert. Und doch zeigen aktuelle Entwicklungen, dass es immer wieder neue Erkenntnisse gibt, die die Therapie und Rehabilitation von Knieverletzungen maßgeblich beeinflussen. Beim Symposium „Sport & Medizin 2025“ an der Ostsee sprachen wir mit dem Referenten PD Dr. Michael Schlumberger von der Sportklinik Stuttgart über aktuelle Trends in der Kniechirurgie, die Grenzen moderner Operationsverfahren und darüber, warum ein Kreuzbandriss auch heute noch mehr ist als „nur eine Verletzung“.
Was Sie in diesem Beitrag erfahren
• Warum bei Kreuzbandverletzungen das gesamte Knie im Fokus steht
• Welche Rolle statische und biomechanische Faktoren für die Stabilität des Knies spielen
• Weshalb ein Kreuzbandriss körperlich und psychisch eine große Herausforderung bleibt
Vom Kreuzband zur Gesamtbetrachtung des Knies
Zu Beginn des Interviews erläutert Dr. Schlumberger, dass der Fokus der Kreuzbandchirurgie lange Zeit auf technischen Details wie der Bohrkanalposition, der Fixierung der Bänder oder dem Typ des Implantats lag. Inzwischen habe sich dieser Blickwinkel deutlich erweitert. Heute stehe weniger die einzelne Operationstechnik im Vordergrund, sondern vielmehr die Frage, welche zusätzlichen Schäden neben dem Bänderriss vorliegen und welche Rekonstruktionen auch an den Innen- und Außenbändern notwendig sind.
Das Knie werde, so Dr. Schlumberger, zunehmend als funktionelle Einheit verstanden, in die auch statische und biomechanische Faktoren einbezogen werden müssten. Dazu zählt unter anderem die knöcherne Formgebung, etwa der sogenannte „tibiale Slope“ (die Neigung des Tibiaplateaus relativ zur Längsachse der Tibia), ein aktuell viel diskutierter Einflussfaktor auf die Stabilität des Kniegelenks.
Kreuzbandriss: Immer noch eine einschneidende Verletzung
Dr. Schlumberger betont, dass es ich bei einer Kreuzbandruptur trotz moderner Therapiekonzepte weiterhin um eine schwere Verletzung mit langer Rekonvaleszenz handelt. Zwar bedeute ein Kreuzbandriss heute meist nicht mehr das Karriereende, und viele Sportlerinnen und Sportler kehrten schneller als früher in ihren Sport zurück. Dennoch komme es auch nach Kreuzbandrekonstruktionen nicht selten zu erneuten Verletzungen.
Studien zeigen laut Dr. Schlumberger zudem, dass bereits im Moment des ersten Risses biochemische Prozesse im Knie ausgelöst werden, die sowohl das Risiko für weitere Verletzungen als auch für die Entwicklung einer Arthrose erhöhen können. Eine Operation stelle die Stabilität zwar wieder her, könne diese Prozesse jedoch nicht vollständig rückgängig machen. Hinzu kämen nicht zu unterschätzende psychische Belastungen – insbesondere im Leistungssport.
Abb.: Klicken Sie auf "Go to Youtube" um zu Youtube zu wechseln und das Video-Interview mit Dr. Michael Schlumberger anzusehen.
OP-Verfahren: Über Comebacks und Innovationen
Abschließend ging Dr. Schlumberger noch auf neuere Therapieansätze im Bereich des Meniskus und des Gelenkknorpels ein, etwa auf Verfahren mit sogenanntem „Minced Cartilage“. Solche Techniken gelten heute als innovativ, seien in ähnlicher Form jedoch bereits früher angewendet worden. Auch die Achskorrektur des Beines erlebe dank moderner Mess- und OP-Verfahren sowie verbesserter Implantate eine Renaissance und zeige heute sehr gute Ergebnisse. Andere Verfahren müssten ihre Wirksamkeit jedoch erst langfristig unter Beweis stellen.
Fazit
Der Vortrag von Dr. Schlumberger und das Interview zeigen eindrucksvoll, wie komplex die moderne Kniechirurgie geworden ist – und wie wichtig der kontinuierliche Austausch bleibt.
Veranstaltungen wie Sport & Medizin bieten genau diesen Raum für aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, kritische Diskussionen und praxisnahe Impulse.
Wir bedanken uns sehr herzlich bei Dr. Michael Schlumberger für den Vortrag und das Interview!
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Es findet vom 25.–29. März 2026 im Engadin (Schweiz) statt.
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