Nichtoperative Behandlung der distalen Radiusfraktur - Ruhigstellung mit Orthese gleichwertig mit Gips?
10. Mär, 2026
Die distale Radiusfraktur ist eine der häufigsten Frakturen. In westlichen Industrienationen liegt die Inzidenz bei rund 200 pro 100.000 Personen. Typisch ist eine bimodale Altersverteilung: Betroffen sind vor allem jüngere Männer nach einem Hochenergietrauma sowie ältere Frauen mit osteoporotisch bedingten Frakturen.¹
Nicht jede Radiusfraktur erfordert einen operativen Eingriff, der mit Risiken wie Infektionen, Sehnenirritationen oder implantatassoziierten Komplikationen verbunden sein kann (die Komplikationsraten liegen zwischen 5% und 35%). In vielen Fällen erfolgt die Behandlung daher konservativ. Bei stabilen, nicht dislozierten oder erfolgreich reponierten Frakturen stellt sich in diesem Zusammenhang zunehmend die Frage, ob eine Gipsruhigstellung notwendig ist oder ob eine moderne Handorthese das Handgelenk ebenso sicher stabilisieren kann.¹
Orthese versus Gips in der primär konservativen Therapie
Während sich eine frühere Studie mit der Ruhigstellung im Rahmen einer operativen Behandlung befasste², rückt die aktuelle prospektive, randomisierte Studie von Friederich et al.¹ die Immobilisierung bei primär nichtoperativ behandelten distalen Radiusfrakturen in den Fokus.
Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, ob die erzielte Frakturstellung bei nicht dislozierten oder erfolgreich geschlossen reponierten Frakturen unter einer Orthesenversorgung (OPTIVOhand®) ebenso zuverlässig erhalten bleibt wie unter einer klassischen Gipsruhigstellung.
Studiendesign im Überblick
- Prospektive, randomisierte Studie
- Eingeschlossen wurden 53 Patientinnen und Patienten mit stabilen distalen Radiusfrakturen, die alle primär konservativ behandelt wurden.
- Verglichen wurde die Versorgung mit Orthese (Interventionsgruppe) mit der klassischen Gipsruhigstellung (Kontrollgruppe).
- Das Follow-up erfolgte über einen Zeitraum von 12 Monaten.
Zentrale Fragestellung: Ist die Repositionssicherung unter Orthesenversorgung mit der unter Gips vergleichbar?
Abbildung 1: Signifikant geringere Funktionseinschränkungen in der Orthesengruppe nach sechs Wochen und drei Monaten nach nichtoperativer Behandlung einer Radiusfraktur. Fehlerbalken zeigen die Standardabweichung. * Signifikant (p < 0,05).
Die Ergebnisse: Vergleichbare Frakturheilung und funktionelle Vorteile
Vergleichbare Frakturheilung
In der Interventionsgruppe mit Orthese erlitten drei Patienten eine sekundäre Dislokation, in der Kontrollgruppe mit Gips wurden zwei Fälle dokumentiert. Ein statistisch signifikanter Unterschied zeigte sich nicht. Somit ist die Orthese hinsichtlich des Erhalts der Reposition mit der klassischen Gipsruhigstellung vergleichbar.
Funktionelle Ergebnisse in der frühen Heilungsphase
In der frühen Phase zeigten sich Vorteile zugunsten der Orthese:
- Signifikant geringere subjektive Funktionseinschränkungen nach sechs Wochen und drei Monaten, gemessen mit dem DASH-Fragebogen (Disabilities of the Arm, Shoulder and Hand)
- Ein besserer körperlicher Gesundheitszustand (SF-36 Physical Component Summary) nach zwei und nach sechs Wochen.
- Signifikant höhere Patientenzufriedenheit.
- Kürzere Anlegezeit in der Klinik.
Nach 12 Monaten glichen sich die funktionellen Ergebnisse zwischen beiden Gruppen wieder an.
Einordnung der Ergebnisse
Nicht postoperativ – sondern primär konservativ
Während sich die bereits zitierte vorangegangene Untersuchung2 vor allem mit der prä- und postoperativen Behandlung nach palmarer Plattenosteosynthese befasste, steht in der vorliegenden Studie eine andere klinische Entscheidungssituation im Fokus: nicht die Rehabilitation nach einer Operation, sondern die Frage: Kann bei geeigneten Frakturtypen bereits primär konservativ auf eine Orthese gesetzt werden?
Für welche Frakturen ist die primäre Behandlung mit Orthese geeignet?
Die Ergebnisse beziehen sich auf stabile Frakturformen, bei denen eine konservative Behandlung indiziert ist. Eine sorgfältige Indikationsstellung ist hier entsprechend wichtig. Bei geeigneter Frakturmorphologie sprechen die Daten dafür, dass eine moderne Orthese eine sichere Alternative zur klassischen Gipsversorgung darstellen kann.
Fazit
- Die Handorthese OPTIVOhand kann bei primär konservativ behandelten distalen Radiusfrakturen eine vergleichbare Repositions- bzw. Frakturstabilität wie der Gips bieten.
- In der frühen Heilungsphase zeigten sich funktionelle Vorteile zugunsten der Orthese – sowohl im DASH-Score als auch im SF-36-Fragebogen zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität.
- Durch den schnellen Anlegevorgang bietet die Orthese auch für das Klinikpersonal eine sichere Behandlungsalternative in der konservativen Therapie.
- Die Ergebnisse der Studie unterstreichen das Potenzial von Orthesen als gute Alternative zur herkömmlichen Behandlung mit Gips und erweitern das therapeutische Spektrum bei der Behandlung von distalen Radiusfrakturen.
Abbildung: OPTIVOhand zeichnet sich durch ein leichtes und schlankes Design aus und bietet dennoch eine hohe Stabilität für das verletzte Handgelenk. Die integrierte dorsale Verstärkungsschiene sorgt zusammen mit den beiden Kunststoff-Führungen für zusätzlichen Halt.
Quellenangaben
1 Friederich, M., Brunner, J., Kirsch, E. et al. Outcome analysis of conservative treatment of a distal radius fracture with OPTIVOhand orthosis versus plaster cast: a randomized controlled trial. BMC Musculoskelet Disord (2026). https://doi.org/10.1186/s12891-026-09585-4
2 Tim Klopfer, Philipp Hemmann, Verena Rupprecht, Fabian Stuby, Ulrich Stöckle and Adrian Meder. Outcome Analysis of Distal Radius Fracture with Orthosis Versus Cast Immobilization after Palmar Plate Osteosynthesis: A Randomized Controlled Study. J. Pers. Med. 2023, 013(1),13. doi.org/10.3390/jpm13010130
Abbildung Gipsverband lizenziert bei Shutterstock @ Peter Kotoff
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