Hometraining mit DiGA beim vorderen Knieschmerz – schon vergleichbar mit klassischer Physiotherapie?

24. Jun, 2025

Muskuloskelettale Erkrankungen zählen weltweit zu den Hauptursachen für chronische Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und eine reduzierte Lebensqualität. In Deutschland verursachen sie etwa 10% der gesamten Gesundheitsausgaben. Sie sind außerdem die häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeitstage und die zweithäufigste Ursache für gesundheitsbedingte Frühberentungen.

Innerhalb dieses Spektrums nimmt das Kniegelenk eine zentrale Rolle ein: Nach dem Rücken ist es die am zweithäufigsten betroffene Körperregion. Rund 11–17% aller Knieprobleme betreffen das vordere Knie bzw. das Patellofemoralgelenk. Aufgrund seiner komplexen biomechanischen Struktur ist dieses Gelenk besonders anfällig für Funktionsstörungen wie das Maltracking der Patella, das entsteht, wenn die Kniescheibe nicht richtig über den Oberschenkelknochen gleitet. Das Maltracking kann zu Überlastungen, Schmerzen, Instabilität oder gar Arthrose führen.

In der Regel erfolgt die Therapie konservativ, d.h. vorrangig durch Physio- und Bewegungstherapie. Ziel ist nicht nur die kurzfristige Linderung von Symptomen, sondern auch die Korrektur neuromuskulärer Dysbalancen. Dabei ist neben der lokalen Muskulatur wie der M. quadriceps femoris auch die Ansteuerung angrenzender Regionen wie Becken, Rumpf und Rückfuß sinnvoll.

Reha mit dem Mawendo: digital, effektiv und alltagstauglich?

Digital angeleitete Hometrainingsprogramme stellen eine vielversprechende Ergänzung oder Alternative zur klassischen Physiotherapie dar. Vor dem Hintergrund der hohen Belastung des Gesundheitssystems durch muskuloskelettale Erkrankungen wurde das Hometrainingsprogramm Mawendo in Form einer browserbasierten Anwendung entwickelt.

Mawendo ist als Digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) für die Rehabilitation bei Patellabeschwerden zugelassen. Die Anwendung enthält ein strukturiert aufgebautes Programm fürs Hometraining, bestehend aus Übungsvideos, Informationen zu den Beschwerden und Dokumentationsmöglichkeiten. Das digitale Trainingsprogramm kann entweder ergänzend zur klassischen Physiotherapie oder als eigenständige Maßnahme eingesetzt und verordnet werden.

RCT-Studie: klassische Physio versus Hometrainingsprogramm Mawendo

Mawendo ist seit August 2023 aufgrund positiver Daten (1) im DIGA-Verzeichnis für Erkrankungen der Patella dauerhaft zugelassen. Eine prospektive, randomisierte, kontrollierte Evaluationsstudie (2) hat jetzt auch den medizinischen Nutzen des digitalen Hometrainings im Vergleich zur Regelversorgung durch Physiotherapie bestätigt.

In die Studie wurden 259 Patientinnen und Patienten mit einer ärztlich bestätigten Patella-Erkrankung eingeschlossen. Sie wurden nach dem Zufallsprinzip in eine der beiden Behandlungsgruppen zugeteilt:

  • Die Patienten in der Interventionsgruppe (IG) nutzten das digitale Hometraining selbstständig über 12 Wochen zu Hause (n = 136).
  • Die Patienten in der Kontrollgruppe (KG) erhielten ebenfalls über 12 Wochen eine klassische Physiotherapie in einer Praxis (n = 123).

Die primären Endpunkte umfassten die Verbesserung der Kniefunktion mNFunktion (gemessen mit dem KOOSADL-Score) und die Reduzierung des subjektiven Schmerzempfindens mNSchmerz (gemessen mit dem VAS-Score). Die Auswertung erfolgte nach dem Intention-to-Treat-Prinzip unter Nutzung linearer ANCOVA-Modelle. Fehlende Daten wurden statistisch valide mittels des MICE-Verfahrens imputiert.

Ergebnisse: Welche Therapie war erfolgreicher?

In beiden Gruppen wurden die Kniefunktion, die Schmerzreduzierung und der Bedarf an Schmerzmitteln verglichen. Dabei kamen die Autoren zu folgenden Ergebnissen: Das Hometraining unter Einsatz der DiGA erwies sich in allen drei geprüften Parametern als signifikant wirksamer als die traditionelle Physiotherapie:

Verbesserung der Kniefunktion (Endpunkt mNFunktion): Die Hometraining-Gruppe erzielte eine signifikante Verbesserung um 15,7 Punkte (95% KI: [13,7; 17,6]) auf der KOOS-Skala, während sich die Physiotherapie-Gruppe nur um 3,4 Punkte (95% KI: [1,3; 5,5]) verbessern konnte.

Schmerzreduzierung (mNSchmerz): Auch bei der Reduzierung von Schmerzen zeigte sich ein signifikanter Vorteil für die Hometraining-Gruppe. Die Schmerzen konnten auf der VAS-Skala um 22,5 Punkte (95% KI: [-25,2 P; -19,9 P]) reduziert werden, während die Schmerzen in der Physiotherapie-Gruppe nur um 6,3 Punkte (95% KI: [-8,7 P; -4,0 P]) reduziert werden konnten.

Die Unterschiede zwischen den Gruppen waren für beide Endpunkte statistisch signifikant und klinisch relevant.

Reduktion der Schmerzmitteleinnahme: Mittels einer Befragung vor und nach der Behandlung wurde zudem die Schmerzmitteleinnahme in beiden Gruppen erfasst. Es zeigte sich, dass in der Hometraining-Gruppe die Anzahl der Personen, die Schmerzmittel einnahmen, von 28% auf 3% (–25%-Punkte) signifikant reduziert wurde. In der Physiotherapie-Gruppe sank der Anteil der Personen, die Schmerzmittel einnahmen, lediglich von 31,4% auf 29,8% (–1,6%-Punkte).

Fazit

Die Ergebnisse dieser prospektiven, randomisierten, kontrollierten Evaluationsstudie zeigten eindeutig:

  • Das digitale Hometraining war der Regelversorgung mit GKV-Physiotherapie in der Behandlung von Patellabeschwerden hinsichtlich Funktionsverbesserung und Schmerzreduzierung statistisch signifikant überlegen.
  • Gleichzeitig sank in der Gruppe mit Hometraining der Schmerzmittelbedarf im Vergleich zur Regelversorgung ebenso signifikant.
  • Diese Evidenz stärkt die Rolle digitaler Gesundheitsanwendungen in der muskuloskelettalen Versorgung und belegt, dass sie ein wirkungsvolles Therapieinstrument mit echtem Versorgungspotenzial darstellen.

Neben den medizinischen Effekten hat ein standardisiertes, leitliniengerechtes Reha-Programms mit Hometraining weitere Vorteile:  

  • Fördert die Patientenautonomie
  • Einfachere Integration der Rehabilitation in den Alltag
  • Zeitersparnis für Patientinnen und Patienten
  • Effizientere Nutzung ärztlicher und therapeutischer Ressourcen

Quellenangaben

(1) Kölle, T., Alt, W. & Wagner, D. Effects of a 12-week home exercise therapy program on pain and neuromuscular activity in patients with patellofemoral pain syndrome. Arch Orthop Trauma Surg 140, 1985–1992 (2020). doi.org/10.1007/s00402-020-03543-y

(2) Mayer, T. A., Koska, D., Harsch, A. & Maiwald, C. (2024b). Effectiveness of self-training with a web-based digital health application vs. physiotherapy in the treatment of disorders of the patella: a randomized controlled trial. Journal Of Medical Internet. J Med Internet Res 2025;27:e66463. https://doi.org/10.2196/66463

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