Remissionsphase bei Fußulzera neu gedacht: Rezidive verhindern und Lebensqualität verbessern
12. Okt, 2025
Diabetesbedingte Fußerkrankungen zählen zu den am wenigsten beachteten großen Gesundheitsproblemen. Dabei verursachen sie eine größere Krankheitslast als viele andere Krankheiten wie Schlaganfall und Brustkrebs. Trotz großer Fortschritte in der Versorgung von Wunden sind die Rezidivraten bei diabetischen Fußgeschwüren (DFU) nach einer zunächst erfolgreichen Behandlung immer noch alarmierend hoch. In einer neuen Publikation1 stellen die Autoren Lazzarini und Van Netten jetzt den klinischen Endpunkt „Ausheilung“ infrage, unterstreichen die Bedeutung von Offloading (Entlastung der betroffenen Fußbereiche) und diskutieren außerdem das Thema Quality of Life in der Remissionsphase.
Was Sie in diesem Beitrag erfahren
- Warum der Begriff „Ausheilung“ bei diabetischen Fußulzera irreführend sein kann
- Welche Maßnahmen in der Remissionsphase Rezidive verhindern können
- Der große Zwiespalt bei der Lebensqualität
Warum der Begriff „Ausheilung“ bei diabetischen Fußulzera irreführend sein kann
Die Autoren der Studie definieren Ausheilung lediglich als das Schließen einer bestehenden Fußwunde. Remission beschreibt hingegen den Zustand nach der Ausheilung, bei dem zwar keine aktive Wunde mehr besteht, das Rezidivrisiko jedoch weiterhin hoch ist. Daher betonen die Autoren ausdrücklich, dass der Begriff „Ausheilung“ bei diabetischen Fußulzera irreführend ist, da fast nie eine dauerhafte Rückbildung der Krankheitsursache vorliegt. Der Großteil der Patientinnen und Patienten erleidet im Verlauf weitere Ulzera. Deshalb schlagen die Autoren vor, künftig in Leitlinien, Forschung und Praxis den Begriff „Remission“ anstelle von „Ausheilung“ zu verwenden. Das Ziel einer Behandlung sollte nämlich nicht nur die Wundschließung, sondern der langfristige Erhalt der Remission sein. Dieser begriffliche Wandel ist eine zentrale Empfehlung der Studie und soll verdeutlichen, wie dringend eine dauerhafte Prävention erforderlich ist.
Welche Maßnahmen in der Remissionsphase Rezidive verhindern können
Bis zur Ausheilung der Fußulzera ist das konsequente Tragen von nicht abnehmbaren Orthesen der Goldstandard. Lazzarini und Van Netten raten jedoch davon ab, die Behandlung in der darauffolgenden Remissionsphase abrupt zu beenden und zu Alltagsschuhen zurückzukehren.
Stattdessen sollten die Patientinnen und Patienten in der Remissionsphase Therapieschuhe tragen, da diese einerseits den plantaren Druck niedrig halten und gleichzeitig mehr Bewegungsfreiheit ermöglichen. Außerdem sind regelmäßige Nachsorge, multidisziplinäre Betreuung, Patientenschulung und Belastungsmonitoring sehr wichtig. All diese Maßnahmen wirken sich letztendlich positiv auf die Lebensqualität aus. Die Autoren sehen hier eine Lücke in den aktuellen Leitlinien und regen die Entwicklung standardisierter Remissionsprogramme an.
Abb.: In der Remissionsphase können abgestufte Offloading-Maßnahmen dazu beitragen, einerseits den plantaren Druck zu reduzieren, aber andererseits den Betroffenen auch mehr Bewegungsfreiheit zu ermöglichen. Das wirkt sich letztendlich positiv auf die Lebensqualität aus.
Der große Zwiespalt bei der Lebensqualität
Konsequentes Offloading mithilfe von Orthesen ist äußerst effektiv in der Behandlung von Fußulzera und verbessert auch langfristig die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten. Andererseits schränken insbesondere nicht abnehmbare Orthesen die Mobilität und Lebensqualität der Betroffenen stark ein. Da Patientenakzeptanz und komfortable, praktikable Lösungen jedoch entscheidend für den nachhaltigen Erfolg im Laufe eines Lebens mit Diabetes sind, fordern die Autoren, dass für die Remissionsphase eine gute Balance zwischen medizinischer Effektivität und Alltagstauglichkeit gefunden werden muss. Die Autoren betonen, dass der Übergang von nicht abnehmbaren zu abnehmbaren Orthesen und Therapieschuhen noch unzureichend erforscht ist und künftige Studien diese Lücke schließen müssen.
Fazit
- Der Begriff „Ausheilung“ ist laut der Autoren bei diabetischen Fußulzera irreführend, da das Rezidivrisiko nach der Ausheilung bestehen bleibt. Sinnvoller ist es, von „Remission“ zu sprechen.
- Die Remissionsphase ist eine kritische, aber oft vernachlässigte Behandlungsphase, in der gezielte Prävention entscheidend ist.
- Kontinuierliche Entlastung (Offloading), regelmäßige Nachsorge und Patientenschulung sind zentrale Maßnahmen zur Rezidivvermeidung.
- In der Remissionsphase ist es wichtig, wieder eine gute Balance zwischen präventiven Maßnahmen und einer Verbesserung der Lebensqualität zu finden.
- Es besteht Forschungsbedarf für standardisierte Remissionsprogramme und für Lösungen, die den Übergang zwischen intensiver Behandlung und Alltag begleiten.
Quellenangabe
1Lazzarini, P. A. & Van Netten, J. J. (2025). Best practice offloading treatments for diabetic foot ulcer healing, remission, and better plans for the healing-remission transition. Seminars in Vascular Surgery, 38(1), 110–120. https://doi.org/10.1053/j.semvascsurg.2025.01.012
Über die Autoren
Dr. Peter A. Lazzarini ist Podologe und Associate Professor sowie Principal Research Fellow an der Queensland University of Technology (QUT) in Brisbane, Australien. Lazzarini ist aktives Mitglied der International Working Group on the Diabetic Foot (IWGDF) und fungiert dort als Sekretär des Offloading-Guideline-Komitees.
Dr. Jaap J. van Netten ist Bewegungswissenschaftler und Senior Researcher am Department of Rehabilitation des Amsterdam UMC in den Niederlanden und Honorary Professor an der Queensland University of Technology (QUT) in Australien. Van Netten ist wissenschaftlicher Sekretär der International Working Group on the Diabetic Foot (IWGDF).
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