Patientenfall aus dem Fußball: Hamstring-Verletzung der Biceps-femoris-Sehne

21. Jul, 2025

Ein Patientenfall von Dr. Suchung Kim

Hamstring-Verletzungen zählen zu den typischen Oberschenkel-Verletzungen im Fußball. Sie entstehen häufig bei explosiven Sprints, abrupten Richtungswechseln oder weiten Ausfallschritten. In den meisten Fällen handelt es sich um Muskelzerrungen oder Muskelfaserrisse, die konservativ behandelt werden können. In seltenen, schwerwiegenderen Fällen kann jedoch eine operative Versorgung erforderlich werden. Der folgende Patientenfall zeigt, dass sich hinter einer vermeintlich harmlosen Muskelverletzung mehr verbergen kann. Er unterstreicht die Bedeutung einer frühzeitigen bildgebenden Diagnostik sowie einer individuell angepassten Therapie.

Anamnese

Ein 31-jähriger Amateurfußballer verletzt sich während eines Ligaspiels bei einem weiten Ausfallschritt im Zweikampf um den Ball. Er verspürt einen plötzlich einschießenden Schmerz an der Rückseite des rechten Oberschenkels, deutet die Beschwerden jedoch zunächst als Muskelzerrung und behandelt sich selbst mit Schonung, Kühlung und schmerzlindernden Salben. In den folgenden Tagen bemerkt er eine zunehmende Verhärtung der hinteren Oberschenkelmuskulatur. Erst nach zwei Wochen stellt er sich aufgrund persistierender Beschwerden und einer zunehmenden Schwellung sportmedizinisch vor.

Abb. 1: Der Musculus biceps femoris (zweiköpfiger äußerer Oberschenkel-Muskel) befindet sich auf der Rückseite des Oberschenkels und gehört zum Hamstring-Muskelkomplex.

Diagnostik

Klinisch zeigen sich beim Patienten eine tastbare Gewebsschwellung und eine Druckschmerzhaftigkeit im Bereich des dorsolateralen Oberschenkels. Die aktive Kniebeugung ist trotz der Verletzung erhalten. Sonografie und MRT-Untersuchung zeigen eine subtotale Ruptur der Biceps-femoris-Sehne mit einem großen posttraumatischen Hämatom von 10 × 9 × 5 cm.

Abb. 2: Sonographie der subtotalen distalen Ruptur der Sehne des M. biceps femoris. Longitudinale Ultraschallaufnahme mit Darstellung eines ausgedehnten intramuskulären Hämatoms, aufgehobener fibrillärer Sehnenstruktur sowie Diskontinuität der distalen Sehne im Bereich des Muskel-Sehnen-Übergangs.

Abb. 3: MRT bei subtotaler distaler Ruptur der Sehne des M. biceps femoris rechts. a) Koronare T2-gewichtete, fettunterdrückte Sequenz mit Darstellung der longitudinalen Hämatomausdehnung entlang des Muskel-Sehnen-Übergangs und der subtotalen distalen Sehnenruptur. b) Sagittale T2-gewichtete fettunterdrückte Sequenz mit Sehnendiskontinuität, umgebendem Ödem und intramuskulärem Hämatom. c) Axiale T1-gewichtete Sequenz mit Hämatom und Retraktion der rupturierten distalen Sehne.

Therapie

Zunächst werden sonografisch gesteuert 38 ml Hämatoserom punktiert, was unmittelbar zu einer Druckentlastung und Verbesserung der Beweglichkeit führt. Anschließend wird ein Kompressionsverband angelegt, wodurch sich Beschwerden und Beweglichkeit rasch bessern.

Aufgrund einer relevanten Sehnenretraktion erfolgt die operative Versorgung mittels offener Sehnennaht mit anschließender frühfunktioneller Rehabilitation.

Abb. 4: Sonografisch gesteuerte Punktion eines großen Hämatoms nach subtotaler Ruptur der Biceps-femoris-Sehne. Die Punktion ergibt insgesamt 38 ml Hämatoserom.

Nachbehandlung

Nach einer operativen Sehnennaht steht zunächst der Schutz der rekonstruierten Sehne im Vordergrund. Die postoperative Rehabilitation sollte stets individuell nach Befund und Behandlungsfortschritt erfolgen und sich an einem standardisierten, phasenbasierten Konzept unter physiotherapeutischer Anleitung orientieren.

In der von Thompson et al. beschriebenen Rehabilitation erhalten die Patienten zunächst eine Knieorthese mit einstellbarem Bewegungsumfang und werden mit Unterarmgehstützen unter Teilbelastung mobilisiert.[1]

Hier die einzelnen Phasen nach Thompson:

  • Phase 1: Schmerz- und Schwellungskontrolle (PECH-Prinzip), Teilbelastung an Unterarmgehstützen, schrittweise Normalisierung des Gangbildes sowie Vermeidung belastender Bewegungen.
  • Phase 2: Wiederherstellung der schmerzfreien Beweglichkeit, Übergang zur Vollbelastung sowie Beginn von Krafttraining und Rumpfstabilisation.
  • Phase 3: Steigerung der Belastbarkeit durch Ausdauertraining (z. B. Radfahren, Schwimmen, leichtes Joggen), gezieltes Muskelaufbautraining und sportartspezifische Übungen.
  • Phase 4: Freigabe zur Rückkehr in den Sport bei vollständiger Schmerzfreiheit, nahezu symmetrischer Muskelkraft (≥ 90 % der Gegenseite) und sicherer Durchführung sportartspezifischer Belastungen.[1]

Über Dr. Suchung Kim

Nach seiner Tätigkeit als Physiotherapeut studierte Dr. Kim Humanmedizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine fachärztliche Weiterbildung absolvierte er an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Seit 2023 ist er in der ambulanten Versorgung tätig. Seine Schwerpunkte liegen in der Behandlung von Sportverletzungen, insbesondere von Muskel- und Sehnenverletzungen sowie Kniegelenkserkrankungen.

Dr. Kim ist außerdem Mannschaftsarzt der U21-Nationalmannschaft des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Seine eigenen Erfahrungen als ehemaliger Fußballer und passionierter Sportler runden sein sportmedizinisches Profil ab.

Quellenangabe und Copyrights

[1]  Thompson JW, Plastow R, Kayani B, Moriarty P, Asokan A, Haddad FS. Surgical Repair of Distal Biceps Femoris Avulsion Injuries in Professional Athletes. Orthop J Sports Med. 2021 Mar 26;9(3):2325967121999643. doi: 10.1177/2325967121999643.

Bildnachweise/Copyrights

Titelbild: Ben Kerckx @ Pixabay

Anatomie Hamstring-Muskulatur: Hank Grebe @ Shutterstock

Abb. Sonografie und MRT: Dr. Suchung Kim

Fotos Punktion: Dr. Suchung Kim

Foto Dr. Suchung Kim: T. Böcker/DFB

Folgende Beiträge könnten Sie auch interessieren