Diabetisches Fußsyndrom: Wie können wir Amputationen besser vermeiden?
28. Apr, 2026
Was Sie in diesem Beitrag erfahren:
- Wie sieht eine optimale interdisziplinäre Versorgung von diabetischen Fußgeschwüren aus?
- Die große Bedeutung des Zweitmeinungsverfahrens
- Seien Sie aufmerksam und handlungsbereit!
Beim diabetischen Fußsyndrom (DFS) kann eine periphere Neuropathie, häufig in Kombination mit einer pAVK, zu einer gefährlichen Situation führen: Druckstellen und kleine Verletzungen werden spät bemerkt, heilen schlecht ab und infizieren sich – es kommt zu einem diabetischen Fußulkus. Auch Orthopädinnen und Orthopäden sind an einer entscheidenden Schnittstelle: Sie erkennen Fußdeformitäten, Druckstellen, Gangbildveränderungen sowie Probleme mit Schuhen oder Orthesen und können Patientinnen und Patienten frühzeitig in ein diabetologisches Fußzentrum überweisen, wo dann das Versorgungsprinzip der IWGDF (International Working Group on the Diabetic Foot) umgesetzt werden kann. Eine rechtzeitige Überweisung kann verhindern, dass es zu der dramatischten Folge eines DFS kommen muss – einer Amputation [1].
Späte Diagnose – Verzögerungen in der Versorgungskette
Die Versorgungsrealität in Deutschland zeigt ein differenziertes Bild: Zwischen 2015 und 2022 sanken diabetesbedingte Majoramputationen bei Frauen von 6,8 auf 5,2 und bei Männern von 18,6 auf 17,5 je 100.000 Einwohner. Bei Minoramputationen gingen die Raten bei Frauen zwar zurück (19,0 auf 16,3), stiegen bei Männern jedoch an (70,8 auf 76,0). Insgesamt waren Männer deutlich häufiger betroffen. Zudem lagen die Raten in sozioökonomisch stärker deprivierten Regionen höher [2].
Schwerere Verläufe entstehen häufig nicht durch das Fehlen therapeutischer Maßnahmen, sondern durch Verzögerungen entlang der Versorgungskette. Neuropathie kann Warnsymptome maskieren und pAVK kann die Heilungschancen deutlich verschlechtern. So kann sich aus einer zunächst kleinen Läsion ein chronisches, infiziertes oder neuroischämisches Ulkus entwickeln [1]. Deshalb ist es entscheidend, dass Patientinnen und Patienten mit aktivem DFS früh in spezialisierte, interdisziplinäre Strukturen gelangen. Die AG Diabetischer Fuß der DDG betont hierbei, dass eine frühzeitige Behandlung in qualifizierten Behandlungszentren viele Amputationen verhindern kann [3]. Die DDG zertifiziert entsprechende ambulante und stationäre Fußbehandlungseinrichtungen nach Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität [4].
Interdisziplinäre Versorgung und konsequentes Offloading
Zu einer optimalen DFS-Versorgung gehören:
- eine systematische Risikoeinschätzung, Wundbeurteilung und Infektionskontrolle
- vaskuläre Diagnostik und Indikationsstellung zur Revaskularisation
- konsequente Druckentlastung, geeignete orthopädietechnische Versorgung
- sowie klare Überweisungswege in spezialisierte Teams [1,3].
Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Druckentlastung (Offloading): Selbst eine fachgerecht durchgeführte Wundtherapie kann ohne wirksame Entlastung scheitern. Die IWGDF empfiehlt bei neuropathischen plantaren Vorfuß- oder Mittelfußulzera nicht-abnehmbare, kniehohe Entlastungssysteme als erste Wahl, sofern keine Kontraindikationen bestehen. In der Praxis kann dies über nicht abnehmbare Cast-Systeme oder Orthesen erreicht werden. Wenn diese keine Option sind, können auch geeignete abnehmbare Orthesen mit klarer Adhärenzstrategie zum Einsatz kommen. Entscheidend ist, dass der Druck auf den Fuß im Alltag tatsächlich reduziert wird und die Versorgung konsequent getragen wird. Passform, Wundstatus, Gefäßsituation und Compliance sollten daher regelmäßig kontrolliert werden [5].
Zweitmeinung vor Amputation: Indikation sorgfältig absichern
Steht bei Patientinnen und Patienten mit DFS eine planbare Amputation der unteren Extremität im Raum, haben sie als gesetzlich Versicherte seit 2021 Anspruch auf ein strukturiertes Zweitmeinungsverfahren [6]. Eine hierfür qualifizierte und unabhängige Fachärztin bzw. ein Facharzt prüft die medizinische Notwendigkeit des Eingriffs und berät zu konservativen oder weniger invasiven Alternativen.
Gerade beim DFS ist diese zusätzliche Prüfung relevant, da vor einer Amputation mehrere Optionen systematisch bewertet werden müssen, beispielsweise Revaskularisation, Infektionskontrolle, Wundbehandlung, Druckentlastung und orthopädietechnische Versorgung. Liegt kein akut interventionspflichtiger Notfall vor, sollte das Zweitmeinungsverfahren aktiv angesprochen und organisatorisch unterstützt werden. Welche Unterlagen werden benötigt, wer kommt als Zweitmeinender infrage und welche Therapieoptionen sind vor einer endgültigen Entscheidung noch realistisch zu prüfen? [6]
Auch Orthopädinnen und Orthopäden können – bei entsprechender Qualifikation und Einbindung in ein multidisziplinäres Setting – hier als Zweitmeinende im Sinne der G-BA-Richtlinie eine wichtige Rolle spielen. Sie sehen häufig Menschen mit Fußdeformitäten, Druckstellen, Gangbildveränderungen, Schuh- oder Orthesenproblemen – also an den Schnittstellen, an denen frühe Warnzeichen eines Fußulkus sichtbar werden können – insbesondere bei Menschen mit Diabetes. [6,7]. Abb. rechts: Symbolbild des Formulars, hier das Original-Formular.
Was Behandelnde konkret tun können
Die Vermeidung von Amputationen beginnt lange vor der Operationsentscheidung. Das bedeutet für behandelnde Ärztinnen und Ärzte: Risikokategorie der Wunde früh prüfen und dokumentieren, Tiefe, Infektionszeichen, Ischämie, Neuropathie, Druckursache sowie Schuh- oder Orthesenversorgung systematisch erfassen und bei aktiven Ulzera niedrigschwellig in ein zertifiziertes oder spezialisiertes Fußzentrum überweisen [1,3,4].
Therapeutisch sollten Wundbehandlung, Infektionskontrolle, Gefäßdiagnostik und Offloading interdisziplinär gedacht werden. Die Druckentlastung ist kein nachgelagerter Bestandteil der Hilfsmittelversorgung, sondern unmittelbarer Bestandteil der Wundtherapie [1,5]. Ebenso wichtig ist eine klare Patientenedukation: Die tägliche Fußkontrolle, die frühzeitige Vorstellung bei Veränderungen und das konsequente Tragen der Entlastungsversorgung müssen nachvollziehbar erklärt und im Verlauf überprüft werden.
Fazit: Aufmerksam und handlungsbereit sein!
Amputationen beim DFS sind nicht immer vermeidbar. Sie sollten jedoch nicht als zwangsläufiges Ergebnis eines schweren Ulkus verstanden werden. Kritische Verläufe entstehen oft dort, wo Diagnostik, Gefäßmedizin, Infektionsbehandlung, Druckentlastung, spezialisierte Versorgung und Zweitmeinung nicht rechtzeitig zusammenkommen oder schlecht koordiniert sind [1,3,6].
Entscheidend sind:
- frühzeitige Diagnostik und Risikostratifizierung
- strukturierte, interdisziplinäre Behandlung
- konsequente Druckentlastung und Überprüfung der Adhärenz
- niedrigschwellige Überweisung in die spezialisierte Fußversorgung
- aktive Nutzung des Zweitmeinungsverfahrens vor planbarer Amputation
Gut ausgewählte und konsequent eingesetzte Orthesen oder andere Entlastungshilfen können wesentlich zur Amputationsvermeidung beitragen. Ihr Nutzen entfaltet sich jedoch erst im richtigen Versorgungskontext: rechtzeitig, interdisziplinär, konsequent und mit dem Ziel, Wundheilung zu ermöglichen und den Fuß zu erhalten.
Weiterführende Informationen finden Sie auf der Website der Aktion „Amputation – NEIN Danke!“
Quellenangaben
Grafiknachweis: Grafik @ PeopleImages / Shutterstock.com
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