RED-S: Erschöpfung durch zu viel Training und zu wenig Kalorien

02. Feb, 2024

Relativer Energiemangel (Relative Energy Deficiency in Sport, kurz RED-S) ist ein komplexes klinisches Syndrom, das in den letzten Jahren endlich mehr Aufmerksamkeit erhält. Es entsteht durch eine Kombination aus Übertraining und einer zu geringen Kalorienaufnahme – die Folge ist eine sogenannte niedrige Energieverfügbarkeit (LEA, low energy availability) und RED-S. Der Energiemangel kann erhebliche negative Auswirkungen auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit haben und kommt nicht nur im Leistungssport, sondern auch im Vereins- und im Breitensport vor. Es ist daher wichtig, dass Athletinnen und Athleten selbst, aber auch Trainings- und medizinisches Betreuungspersonal aufmerksam sind und rechtzeitig präventive Maßnahmen ergreifen.

Besonders betroffen sind Sportarten, in denen das Verhältnis von Kraft zu Gewicht von entscheidender Bedeutung ist, ein besonders niedriges Körpergewicht von Vorteil oder die Ästhetik besonders wichtig ist. RED-S kann sowohl bei weiblichen als auch bei männlichen Sportlern auftreten. Auch individuelle Faktoren, wie genetische Veranlagung, Trainingsumfang, Ernährungsgewohnheiten und psychologischer Stress, spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von RED-S. 

Sportlerinnen und Sportler in den folgenden Sportarten scheinen besonders anfällig für RED-S zu sein:

  • Ausdauersportarten, wie Laufen, Radfahren, Schwimmen und Triathlon, bei denen Athleten oft ein extrem intensives Training mit hohem Energieverbrauch absolvieren.
  • Leichtgewichtssportarten, bei denen das Verhältnis von Kraft zu Körpergewicht entscheidend ist, wie Gymnastik, Ballett, Turnen, Sportklettern oder Skispringen.
  • Ästhetische Sportarten, bei denen das ästhetische Erscheinungsbild eine wichtige Rolle spielt, wie rhythmische Sportgymnastik oder Eiskunstlauf.
  • Kampfsportarten, bei denen Athleten Gewichtsklassen einhalten müssen, wie Boxen, Judo oder Ringen.
  • Teamsportarten, in denen ein hoher Leistungsdruck und bestimmte Anforderungen ans Körperbild vorherrschen, wie Fußball, Basketball oder Rugby.

Über die Prävalenz von LEA als Ursache von RED-S gibt es bisher keine großen Übersichtsstudien. Einiger jüngerer Studien zufolge liegt sie aber in den verschiedenen Sportarten zwischen 22% und 58%. LEA scheint bei männlichen und weiblichen Sportlern gleichermaßen verbreitet zu sein.1

Die gesundheitlichen Folgen von RED-S

Eine nicht ausreichende Energiezufuhr kann zu unterschiedlichen gesundheitlichen Folgen führen, unter anderem zu Beeinträchtigungen im endokrinen System, im Menstruationszyklus oder in der Knochengesundheit. Bei betroffenen Personen zeigen sich des Weiteren metabolische und hämatologische Veränderungen, Störungen bei Wachstum und Entwicklung und natürlich auch Essstörungen. All diese Symptome können nicht nur zu kurzfristigen Leistungseinbußen führen, sondern ernste und langfristige gesundheitliche Probleme nach sich ziehen.2

Neben dem Begriff RED-S wird bei Frauen teilweise noch der Begriff „Female Athlete Triad“ (Triade weiblicher Athleten, Sporttriade) verwendet. Der Begriff beschreibt die Kombination aus drei Symptomatiken:

  • LEA – Geringe Energieverfügbarkeit (häufig mit Essstörung)
  • Hormonelle Störungen (z.B. unregelmäßige oder ausbleibende Menstruationszyklen)
  • Geringe Knochenmineraldichte (BMD), die in Konsequenz zu einer verringerten Knochendichte, mehr Ermüdungsbrüchen und Osteoporose führen kann.4 

Inzwischen ist aber bekannt, dass die Ursache, der sogenannte hypogonadotrope Hypogonadismus (eine Unterfunktion der Keimdrüsen), sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Sportlern auftreten kann. Daher wird inzwischen der geschlechterübergreifende Begriff RED-S gegenüber der Female Triad bevorzugt.4

Abb. 1: RED-S-Modell mit Darstellung der gesundheitlichen Folgen von LEA. Im inneren, weißen Kreis sind die fließenden Übergänge zwischen leichter / vorübergehender LEA (weißer Bereich der Pfeile) bis zu schwerer LEA (roter Bereich der Pfeile) dargestellt.3

Die sportlichen Auswirkungen von RED-S

Die sportlichen Auswirkungen von RED-S sind vielfältig. Das Konsensus-Papier des IOC von 20233 listet die Leistungseinschränkungen auf, die bei Athleten mit RED-S unterschiedlich stark auftreten können. Es handelt sich hauptsächlich um Einschränkungen bei der

  • Verfügbarkeit
  • Trainingsreaktion
  • Regenerierungsfähigkeit
  • kognitiven Leistung
  • Motivationsfähigkeit
  • Muskelkraft
  • Ausdauer

Wie wird RED-S diagnostiziert?

Die Früherkennung von RED-S ist von entscheidender Bedeutung, daher wird bei gefährdeten Sportlerinnen und Sportlern ein jährliches Screening auf RED-S empfohlen. Zusätzlich sollten alle Personen, die mit einer Essstörung, mit Gewichtsverlust, Wachstumsstörungen, endokriner Dysfunktion, wiederkehrenden Verletzungen und Krankheiten oder Stimmungsschwankungen in die Arztpraxis kommen, unbedingt auf RED-S untersucht werden.4

Bei erheblicher Müdigkeit bzw. Leistungsschwäche, bei bereits vorhandenen Knochenbelastungsschäden, schwerem hypogonadotropem Hypogonadismus oder funktioneller, hypothalamischer Amenorrhöe (FHA) können zusätzlich auch Blutanalysen erforderlich sein.4

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat mit REDs CAT2 ein klinisches Assessment-Tool3 für Sportler zur Verfügung gestellt. Es kommt zum Einsatz, wenn der Verdacht auf eine zu niedrige Energieverfügbarkeit (LEA) besteht, die zu REDs führen kann. Mit diesem Tool kann auch bestimmt werden, ob eine Sportlerin oder ein Sportler für die Teilnahme an einem Wettbewerb geeignet ist.

Hier geht’s zum Download von RED-S CAT2 des IOC.3

Tab. 1: Die wichtigsten klinischen Symptome von RED-S4

Wie wird RED-S behandelt?

Wenn Sportlerinnen und Sportler im RED-S CAT in den gelben bis roten Bereich fallen, sollten sie von einem multidisziplinären Team, bestehend aus Ernährungsberatern, Ärzten, Physiotherapeuten, Sportphysiologen und Psychologen, behandelt werden. Das Behandlungsprogramm sollte in erster Linie auf die Beseitigung der zugrundeliegenden LEA abzielen. Dabei sollte der Fokus darauf liegen

  1. die Kalorienzufuhr so zu steigern, sodass der Kalorienverbrauch ausgeglichen werden kann
  2. und falls notwendig, gleichzeitig auch das Training zu reduzieren, um die Energiebilanz auszugleichen.4

Auch sollten die Athleten über RED-S aufgeklärt werden: Viele Athleten glauben, es sei normal, dass sie unter Menstruationsbeschwerden, Müdigkeit und Appetitlosigkeit, wiederkehrenden Verletzungen und Stimmungsschwankungen leiden!4

Psychologische Strategien können helfen, das Verhältnis der Athleten gegenüber dem Essen zu verändern. Slogans wie z.B. "Essen, um Leistung zu bringen", können hilfreich sein, um ein gesundes Ernährungsverhalten zu entwickeln.4

Die beste Strategie bei Menstruationsbeschwerden ist die Zunahme von Körpergewicht bei ausreichender Zufuhr von Proteinen und Kohlenhydraten. Die Anwendung oraler Kontrazeptiva zur Behandlung von RED-S wird im Allgemeinen nicht empfohlen.4

Bei einer Osteopenie oder Osteoporose sollte für eine ausreichende Zufuhr von Vitamin D und Kalzium und evtl. anderer Nährstoffe gesorgt werden. In Abständen von 6-12 Monaten wird eine Knochendichtemessung empfohlen.4

Weitere medikamentöse Therapien (z.B. mit Bisphosphonaten) können in sehr schweren Fällen in Erwägung gezogen werden. Liegt aber keine metabolische Knochenerkrankung vor, sollte erstmal auf adäquate Ernährung und Verhaltensänderungen gesetzt werden.4

Ganz wichtig: Nehmen Sie die psychischen Auswirkungen von RED-S ernst, sie dürfen nicht übersehen werden. Eine Psychotherapie kann bei der Krisenbewältigung hilfreich sein.4

Prävention: Wie kann RED-S verhindert werden?

Die Autoren um Briggs et al.4 haben vier Empfehlungen zur Prävention von RED-S zusammengestellt:

  1. Aufklärung über gesunde Ernährung, das Konzept der Energy Availability (EA) und die Risiken von LEA (Low Energy Availability) sollte auf Basis seriöser Quellen und unter Einbeziehung von den Athletinnen und Athleten, ihrer Familien, der sportlichen Leitung, medizinischer Einrichtungen und Sportorganisationen erfolgen.
  2. Das Trainingspersonal sollte sich an Leitlinien orientieren, wenn es um Gewicht und Körperkomposition der Sportlerinnen und Sportler geht. Gewicht und Körperkomposition sollte nicht optimiert werden, um damit eine Leistungssteigerung zu erreichen. Stattdessen sollte der Fokus auf eine bessere Ernährung gelegt werden.
  3. Alle Beteiligten sollten sich bewusst sein, dass eine gute Performance im Sport nicht heißt, dass der Sportler gesund ist. Lange Phasen mit schlechtem Gesundheitszustand führen hingegen unvermeidlich zu schlechten sportlichen Leistungen.
  4. Es wird empfohlen, multidisziplinäre Teams aus Personen zusammenzustellen, die geschult sind in der Erkennung und Behandlung von RED-S. Die Verwendung von Risk-Assessment-Tools und Return-to-Sports-Modellen wird ebenso empfohlen.

Obwohl die Awareness gegenüber RED-S inzwischen gestiegen ist, sind weitere Studien notwendig, um RED-S in seiner Komplexität zu verstehen und die entsprechenden Tools und Präventionsprogramme zu entwickeln.4

Referenzen

1 Logue, D. M., Madigan, S. M., Melin, A., Delahunt, E., Heinen, M., Donnell, S. M., & Corish, C. A. (2020). Low Energy Availability in Athletes 2020: An Updated Narrative Review of Prevalence, Risk, Within-Day Energy Balance, Knowledge, and Impact on Sports Performance. Nutrients, 12(3), 835. https://doi.org/10.3390/nu12030835

2 Mountjoy, M., Sundgot-Borgen, J., Burke, L., Ackerman, K. E., Blauwet, C., Constantini, N., Lebrun, C., Lundy, B., Melin, A., Meyer, N., Sherman, R., Tenforde, A. S., Torstveit, M. K., & Budgett, R. (2018). International Olympic Committee (IOC) Consensus Statement on Relative Energy Deficiency in Sport (RED-S): 2018 Update. International journal of sport nutrition and exercise metabolism28(4), 316–331. https://doi.org/10.1123/ijsnem.2018-0136

3 2023 International Olympic Committee’s (IOC) consensus statement on Relative Energy Deficiency in Sport (REDs) - Scientific Figure on ResearchGate. Available from: https://www.researchgate.net/figure/REDs-Health-Conceptual-Model-The-effects-of-LEA-exist-on-a-continuum-While-some_fig1_374201706  [accessed 26 Jan, 2024]

4 Briggs C, James C, Kohlhardt S, Pandya T. (2020). Relative energy deficiency in sport (RED-S) – a narrative review and perspectives from the UK. Dtsch Z Sportmed. 2020; 71: 243-248. doi:10.5960/dzsm.2020.459

Foto © Maridav/Shutterstock.com