UK-Registerstudie: IIK bei niedrigem Thrombose-Risiko nach Hüft- oder Knie-TEP ausreichend?
04. Sep, 2026
Darum geht's in diesem Beitrag
- Welche Rolle spielt eine individuelle Risikostratifizierung bei der Thromboseprophylaxe?
- Bei welchen Niedrigrisiko-Patienten kann die mechanische Prophylaxe eine Alternative zur medikamentösen Prophylaxe sein?
Ein Hüft- oder Knieersatz (Totalendoprothese, TEP) kann vielen Patientinnen und Patienten wieder zu mehr Beweglichkeit und Lebensqualität verhelfen. Gleichzeitig steigt nach dem Eingriff das Risiko für venöse Thromboembolien. Dazu tragen die Operation selbst, die vorübergehend eingeschränkte Mobilität und individuelle Risikofaktoren bei. Zur Vorbeugung venöser Thromboembolien kommen Medikamente und mechanische Maßnahmen zum Einsatz: Medikamente können das Thromboserisiko senken, sind jedoch auch mit potenziellen Nachteilen wie Blutungen, Wundproblemen und zusätzlichen Kosten verbunden. Daher stellt sich die Frage: Kann bei Patientinnen und Patienten mit niedrigem Thromboserisiko auf eine medikamentöse Prophylaxe verzichtet werden, wenn eine mechanische Prophylaxe mithilfe der Intermittierenden Impulskompression (IIK) eingesetzt wird?
Risikostratifizierung als Grundlage des Behandlungskonzepts
Um dieser Frage nachzugehen, analysierten Gill und Kollegen1 die Registerdaten von 13.384 Personen, die zwischen 1999 und 2016 einen primären Hüft- (n=6.533) oder Kniegelenkersatz (n=6.851) erhalten hatten. Revisionseingriffe, Prothesen nach Trauma und bestimmte Teilprothesen wurden nicht berücksichtigt.
Vor der Operation wurden alle Patientinnen und Patienten anhand individueller Risikofaktoren eingestuft. Dazu gehörten beispielsweise eine persönliche oder familiäre Vorgeschichte mit tiefer Venenthrombose oder Lungenembolie, eine aktive Krebserkrankung, eine bekannte Thrombophilie, Adipositas mit einem BMI über 35 oder die Einnahme bestimmter Medikamente und andere Vorerkrankungen.
Bei allen Patientinnen und Patienten mit niedrigem Risiko kam – sofern keine Kontraindikation vorlag – eine mechanische Prophylaxe mittels eines IIK-Geräts (A-V Impulse oder die baugleiche VADOplex) zum Einsatz. Ein BMI zwischen 30 und 35 oder ein Alter über 60 Jahren allein führte dabei nicht automatisch zur Einstufung als Hochrisikopatient/in. Unabhängig von der Risikoeinstufung wurden alle Teilnehmenden zudem ab dem ersten postoperativen Tag im Rahmen eines ERAS-Programms (Enhanced Recovery After Surgery = ERAS) mobilisiert.
Klinische TVT- und LE-Ereignisse wurden während des stationären Aufenthalts sowie im Rahmen der postoperativen Nachbeobachtung erfasst. Für die Auswertung wurden Ereignisse innerhalb von sechs Monaten nach der Operation berücksichtigt.
Abbildung 1: Vergleich der TVT-, LE- und Infektionsraten bei Low-Risk-Patienten nach primärem Hüft- oder Kniegelenkersatz, entweder unter medikamentöser Behandlung plus IIK oder alleiniger IIK-Behandlung. Die beobachteten Raten waren in beiden Gruppen vergleichbar; laut Gill et al. bestanden keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen den Regimen (Abbildung neu erstellt auf Basis der Studiendaten).
Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick
- 86,16% der 13.384 Patientinnen und Patienten wurden der Niedrigrisikogruppe zugeordnet. Von diesen erhielten 76,7% ausschließlich eine mechanische Prophylaxe mittels IIK, während 23,3% zusätzlich Aspirin oder Clopidogrel einnahmen.
- Zwischen den beiden Niedrigrisikogruppen zeigte sich bei den VTE-Raten kein signifikanter Unterschied (p>0,24). Die zusätzliche Gabe von Aspirin oder Clopidogrel führte in dieser Auswertung somit nicht zu einer nachweisbaren Verbesserung gegenüber IIK allein.
- Zum Einordnen der Gesamtergebnisse: Über die gesamte Studienpopulation von 13.384 Patientinnen und Patienten hinweg wurden innerhalb von sechs Monaten nach der Operation 65 klinisch manifeste TVT-Ereignisse (0,48%) und 58 symptomatische LE-Ereignisse (0,42%) dokumentiert. Diese Werte beziehen sich auf alle Risikogruppen und Prophylaxeregime und nicht ausschließlich auf den Vergleich der beiden Niedrigrisikogruppen.
- Auch bei den Infektionsraten zeigte sich zwischen den beiden Niedrigrisikogruppen kein signifikanter Unterschied (p>0,25).
Fazit
Die vorliegende Studie liefert Argumente dafür, die Thromboseprophylaxe nach einer Hüft- oder Knie-TEP stärker am individuellen Risiko auszurichten.
Bei Patientinnen und Patienten mit niedrigem Risiko kann eine mechanische Prophylaxe mittels IIK im Rahmen eines ERAS-Programms möglicherweise vergleichbare klinische Ergebnisse erzielen wie eine zusätzliche medikamentöse Behandlung.
Einschränkungen der Studie
Die vorliegende Registerstudie liefert interessante Hinweise für den Einsatz der IIK bei klar definierten Niedrigrisikopatientinnen und -patienten, sie ersetzt jedoch keine prospektiven Studien. Zudem stammen die Daten aus einem einzigen britischen Zentrum, weshalb die direkte Übertragbarkeit auf die deutsche Versorgungssituation begrenzt ist. In Deutschland gilt weiterhin die AWMF-S3-Leitlinie „Prophylaxe der venösen Thromboembolie" (Registernummer 003-001, Stand: Januar 2026). Diese empfiehlt auch bei Patientinnen und Patienten mit niedrigem Risiko weiterhin eine kombinierte Prophylaxe nach Hüft- und Knie-TEP.
Quellen und Abbildungshinweise
1 Gill SK, Pearce AR, Everington T, Rossiter ND. Mechanical prophylaxis, early mobilisation and risk stratification: as effective as drugs for low risk patients undergoing primary joint replacement. Results in 13,384 patients. The Surgeon. 2020;18(4):219–225. DOI: 10.1016/j.surge.2019.11.002.
Hinweis: Die Headergrafik wurde mit KI erstellt.
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