Interview zu Sportverletzungen bei Kindern und Jugendlichen: Was können wir präventiv tun?
04. Sep, 2026Interview mit Dr. Christian Nührenbörger
Was bedeutet es, wenn sich ein Kind beim Sport verletzt? Welche Auswirkungen hat das auf Kind, Familie und Schule? Diese Fragen waren Gegenstand eines Interviews, das wir anlässlich des Symposiums „Sport & Medizin“ an der Ostsee mit Dr. Nührenbörger geführt haben. Lesen Sie hier die Zusammenfassung des Interviews.
Sportverletzungen bei Kindern und Jugendlichen haben in den letzten 20 Jahren stark zugenommen. Laut Dr. Nührenbörger treten auch schwerere Verletzungen wie Rupturen des vorderen Kreuzbandes häufiger auf, auch das Risiko für Rezidive steigt. Solche Verletzungen können im schlimmsten Fall ein „Life-Changer“ sein – mit langer Rehabilitation, früh einsetzender Arthrose oder sogar dem Ende der sportlichen Perspektive. Auch der Alltag des Kindes verändert sich. „Es fehlt dann nicht nur der Sport, sondern auch ein wichtiges soziales Umfeld“, so Dr. Nührenbörger.
Spezifische Verletzungsprävention für Kinder und Jugendliche
Nührenbörger beschreibt Prävention als multifaktoriellen Ansatz. Dazu gehören zum Beispiel auch etablierte neuromuskuläre Trainingsprogramme, mit deren Hilfe sich die Verletzungszahlen bei frühzeitiger, korrekter und regelmäßiger Umsetzung um bis zu 50% reduzieren lassen.
Auch die Politik ist hier gefragt, denn sie muss die notwendigen Rahmenbedingungen vorgeben. Das zeigt sich laut Dr. Nührenbörger an Programmen in anderen europäischen Ländern, die dafür sorgen, dass sich Kinder mehr bewegen und eine bessere Motorik entwickeln. Solche Programme haben sich als wirksam erwiesen, um die Verletzungshäufigkeit zu reduzieren und dazu beizutragen, dass Kinder auch in ihrem ganzen zukünftigen Leben Sport treiben werden.
Siehe dazu auch unseren Beitrag zu Physical Literacy.
Wichtig ist auch die Förderung des Schulsports. Entscheidend ist, dass die Programme tatsächlich im Trainingsalltag umgesetzt werden. Dafür braucht es geschulte Trainer, Lehrkräfte und Athleten sowie die Unterstützung von Vereinen, Verbänden und Politik, so Dr. Nührenberger.
Abb.: Um das Video anzusehen, klicken Sie auf "Go to Youtube". Das Video-Interview mit Prof. Dr. Götz Welsch wurde von Michael Silbernagl geführt.
Was können Ärzteschaft und Fachgesellschaften beitragen?
Eine sportmedizinische Betreuung ist besonders bei Kindern und Jugendlichen wichtig. Wenn die Spezialisierung früh beginnt und besonders intensiv trainiert wird, etwa im Turnen, muss die Betreuung gut sein und die Belastung überwacht werden. Dr. Nührenbörger nennt Vorsorgeuntersuchungen und regelmäßige Check-ups als wichtige Maßnahmen. Auch die GOTS und ihr „Komitee Kindersportorthopädie“ können einen Beitrag leisten, indem sie verschiedene Krankheitsbilder und Präventionsmöglichkeiten anhand von Checklisten darstellen. Dr. Nührenberger empfiehlt auch ein norwegisches Programm namens „Injury Free“ bzw. „Skadefri“, das im Internet heruntergeladen und Trainern an die Hand gegeben werden kann. Prävention ist multidisziplinär: Neben Eltern und Trainern müssen auch Verbände und politische Akteure einbezogen werden.
Was brauchen Kinder, damit Sport sicher bleibt?
Damit Kinder sicher Sport treiben können, braucht es laut Dr. Nührenböger politische Rahmenbedingungen, Bewegungsangebote und geförderten Schulsport. Schulen, die Lehrerausbildung und die Sportinfrastruktur müssen gestärkt werden. Dr. Nührenbörger ergänzt: „Bei früher Spezialisierung und intensivem Training sind eine sportmedizinische Betreuung, Vorsorgeuntersuchungen und regelmäßige Check-ups wichtig. Prävention ist multidisziplinär und betrifft Eltern, Trainer, Verbände und Politik.“
Das Interview wurde von Michael Silbernagl geführt.
Über Dr. med. Christian Nührenbörger
Dr. med. Christian Nührenbörger ist Facharzt für Orthopädie und Sportmedizin. Seit 2004 arbeitet er am Centre Hospitalier de Luxembourg (CHL), wo er die Sportorthopädie leitet. Seine Schwerpunkte sind die Prävention, Diagnostik und konservative Behandlung von Sportverletzungen. Seit 2003 engagiert er sich in der GOTS und im Komitee Kindersportorthopädie. Im Jahr 2023 wurde er zum „Sportarzt des Jahres“ gewählt.
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