CRAFFT: Stark verschobene Radiusfrakturen bei Kindern - ist eine Reposition immer nötig?
12. Okt, 2026
Was Sie in diesem Beitrag erfahren
- Zwei typische Patientenfälle – unterschiedlicher Ausgang
- Was genau hat die CRAFFT-Studie untersucht?
- Kann das Remodellierungspotenzial bei Kindern eine gezielte Reposition ersetzen?
Nicht nur auf dem Röntgenbild sehen stark verschobene Frakturen am kindlichen Handgelenk oft alarmierend aus. Der erste Impuls ist, die Fehlstellung möglichst rasch zu korrigieren. Gleichzeitig ist bekannt, dass das kindliche Knochenwachstum Fehlstellungen ausgleichen kann. Man spricht hier sogar manchmal von einer „Bone Healing Superpower". Es stellt sich daher die Frage, in welchen Fällen auf eine gezielte Reposition verzichtet werden kann. Diese Entscheidung lässt sich aber nicht allein aus dem Röntgenbild ableiten. Es müssen das Alter und das Wachstumspotenzial des Kindes, die genaue Frakturmorphologie und die klinische Situation berücksichtigt werden.
Die neue CRAFFT-Studie [1] zeigt, dass bei geeigneten 4- bis 10-jährigen Kindern selbst bei einer ausgeprägten Dislokation eine nichtoperative Gipsbehandlung ohne gezielte Reposition als Behandlungsoption erwogen werden kann.
Kindliche Radiusfrakturen: Zwei gegensätzliche Fallbeispiele
Die Schweizer Kindertraumatologen Slongo und Ziebarth haben in einem Editorial anhand zweier gegensätzlicher Fallbeispiele aufgezeigt, wie unterschiedlich sich kindliche Radiusfrakturen entwickeln können [2]:
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Im ersten Fall wurde bei einem zehnjährigen Kind eine leicht angulierte distale Radiusfraktur zunächst geschlossen reponiert und im Gips ruhiggestellt. Später waren dennoch eine offene Revision und die Versorgung mit einer Platte erforderlich. Nach der Entfernung des Implantats zeigte sich die Stellung wieder nahezu wie zu Beginn – trotz Reposition und Operation war also kein dauerhaft überzeugendes Korrekturergebnis erreicht worden.
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Der zweite Fall verlief völlig anders: Bei einem elfjährigen Kind blieb eine vollständig dislozierte Radiusfraktur zunächst unentdeckt. Dennoch korrigierte sich die Fehlstellung innerhalb von 15 Monaten durch das natürliche Remodellierungspotenzial des kindlichen Knochens bis zu einer korrekten anatomischen Stellung – ohne erneute Reposition oder Operation.
Die beiden Fälle aus der Praxis zeigen exemplarisch, warum die Entscheidung für oder gegen eine Reposition bei kindlichen Frakturen schwierig ist: Ein aufwendig behandelter Bruch kann ein unbefriedigendes Ergebnis hinterlassen, während sich eine zunächst nicht behandelte Fehlstellung bei einem anderen Kind vollständig zurückbilden kann.
CRAFFT: Ohne gezielte Reposition ähnliche Ergebnisse wie mit operativer Reposition?
Die CRAFFT-Studie (Children's Radius Acute Fracture Fixation Trial) [1] ist eine pragmatische, multizentrische, randomisierte Nichtunterlegenheitsstudie, die in 49 Krankenhäusern im Vereinigten Königreich durchgeführt wurde. Es wurden 750 Kinder im Alter von 4 bis 10 Jahren mit stark dislozierter distaler Radiusfraktur eingeschlossen:
- 375 Kinder wurden einer nichtoperativen Gipsbehandlung ohne gezielte Reposition und 375 Kinder einer operativen Reposition zugeteilt.
- In der Gruppe mit Reposition wurde die FrakturBruch zunächst in eine bessere Stellung gebracht. Anschließend entschied das Behandlungsteam, ob ein Gips allein ausreichte oder ob die Fraktur zusätzlich mit Kirschnerdrähten stabilisiert werden sollte. Meist kam ein Gips allein (72%) oder eine Stabilisierung mit Kirschner-Drähten (27%) zum Einsatz. 44% der Frakturen waren vollständig disloziert („off-ended“), das heißt, die Frakturenden hatten keinen Kontakt mehr zueinander.
- Das mediane Alter betrug 7,9 Jahre (IQR: 6,5–9,5). Die Altersgrenze von 4 bis 10 Jahren wurde gewählt, da für diese Altersgruppe eine klinische Unsicherheit bezüglich der optimalen Behandlung bestand und geeignete, validierte, patientenberichtete Funktionsmessungen zur Verfügung standen. Die Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf ältere Kinder übertragen, da das Remodellierungspotenzial mit zunehmendem Alter abnimmt.
Die Ergebnisse von CRAFFT
Nach drei Monaten war die Funktion der betroffenen oberen Extremität in der Gruppe mit operativer Reposition statistisch signifikant besser (adjustierter Unterschied von 1,64 PROMIS*-Punkten zugunsten der Gruppe mit operativer Reposition, p=0,0073). Für die Gesamtgruppe ließ sich die Nichtunterlegenheit der nichtoperativen Gipsbehandlung ohne gezielte Reposition gegenüber der operativen Reposition im primären Endpunkt statistisch nicht belegen.
Der beobachtete Unterschied blieb jedoch unter der von den Familien genannten Schwelle, ab der ein funktioneller Vorteil eine Operation rechtfertigen würde.
Bei den Nachuntersuchungen nach sechs und zwölf Monaten zeigte sich kein signifikanter Unterschied mehr in der Funktion der betroffenen oberen Extremität.
Die operative Behandlung war mit einem geringen kosmetischen Vorteil verbunden, aber auch mit frühen Komplikationen wie Wundinfektionen, Narben, Druckschäden und Nervenreizungen.
Die CRAFFT-Studie liefert wichtige Hinweise darauf, dass bei 4- bis 10-jährigen Kindern mit stark verschobener distaler Radiusfraktur auch eine nichtoperative Gipsruhigstellung ohne gezielte Reposition als Behandlungsoption individuell erwogen werden kann.
Abb. 1: Die Funktion der betroffenen oberen Extremität verbesserte sich in beiden Gruppen deutlich und lag nach zwölf Monaten nahezu im Bereich des PROMIS-Normwerts (PROMIS steht für Patient-Reported Outcomes Measurement Information System, ein standardisiertes Messsystem zur Erfassung patientenberichteter Daten).*
Auf der UK-Website CRAFFT digital trial finden Sie didaktisch aufbereitete Informationen und Videos zu CRAFFT in englischer Sprache!
Take-home Message
- Obwohl das Remodellierungspotenzial kindlicher Knochen bekannt ist, fällt die Entscheidung für oder gegen eine operative Reposition im Einzelfall tatsächlich noch schwer. Die Fallbeispiele von Slongo und Ziebarth veranschaulichen dieses Spannungsfeld.
- Die aktuelle CRAFFT-Studie im Lancet konnte die Nichtunterlegenheit der Gipsbehandlung nicht belegen. Da die Unterschiede aber so gering waren, sehen die Autoren die nichtoperative Gipsbehandlung als bevorzugte Erstbehandlung für die meisten Kinder mit stark verschobener distaler Radiusfraktur.
- CRAFFT zeigt, dass der anfängliche funktionelle Vorteil der Gruppe mit operativer Reposition klein war und sich im weiteren Verlauf nicht mehr nachweisen ließ.
- Die Nachbeobachtung über drei Jahre läuft noch und soll weitere Erkenntnisse liefern.
Quellen
[1] Perry, D. C., Zimmermann, A., Achten, J., Nicolaou, N., Metcalfe, D., Kounali, D., Lyttle, M. D., Frempong, S., Appelbe, D., Mason, J., Kandiyali, R., Gibson, P., & Costa, M. L. (2026). Non-surgical casting versus surgical reduction for children with severely displaced distal radial fractures (the CRAFFT Study): A multicentre, randomised, controlled non-inferiority trial and economic evaluation. The Lancet,407(10538), 1538–1548. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(26)00409-5
[2] Slongo, T., & Ziebarth, K. (2025). Konservative Frakturbehandlung beim Kind. Einführung zum Thema. Operative Orthopädie und Traumatologie, 37(3–4), 181– 183. https://doi.org/10.1007/s00064-025-00905-w
*Copyrights Abbildung: Verwendung der Original-Abb. auf Basis der Creative-Commons-Lizenz CC BY. Die Legenden wurden ins Deutsche übersetzt. Wir bedanken uns herzlich bei dem Rechteinhaber Elsevier Ltd.
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